Die letzte Fan Fair?
Fan Fair war trotz den anfänglichen Befürchtungen
wieder fast so gross wie letztes Jahr. Das trotz 11.9.,
Afghanistan, Irak und SARS. Wieder einmal nahmen die
Fans Nashville Downtown für gut 4 Tage voll in
ihren Besitz. Bei täglich fast 30'000 Besuchern
im Coliseum, dem Football-Stadion der Tennessee Titans,
war es Downtown zeitweise schwierig sich noch ein Sandwich
zu ergattern. Aber die Amis sind ja genau so geduldig
im Anstehen wie die Engländer.
Die Aktivitäten rund um die Fan Fair möchte
ich mal in 4 Kategorien einteilen. Die Riverfront Shows
starten jeweils morgens um 10:00 und dauern ununterbrochen
bis 18:00. Ab 19:00 geht es dann im grossen Stadion
los. Es ist gleich auf der anderen Seite des Cumberland
Rivers und kann sehr gut zu Fuss erreicht werden. Die
Mega-Shows im Stadium dauern ca. bis 22:30. Wer dann
immer noch nicht genug Musik gehört hat, kann in
eines der zahlreichen Honky-Tonks am Broadway gehen.
Dort spielen meist unbekannte aber zum Teil sehr gute
Künstler für Tips. Die 4. Kategorie sind die
kleinen Clubs, die über die ganze Stadt verteilt
sind, z.B. Bluebird Cafe, Douglas Corner, Station Inn,
Slow Bar, etc. Und genau hier muss man sich entscheiden.
Diese Lokale veranstalten unabhängig vom grossen
Rummel ihre, meist etwas alternativen Konzerte, mit
zum Teil aber auch recht bekannten Musikern. Fazit:
alles zu sehen, was in Nashville während der Fan
Fair so abgeht ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Man muss sich Prioritäten setzen.
An der Riverfront kann man im Vergleich zum Coliseum
sehr nahe zu den Künstlern. Kenny Chesney hat dieses
Jahr die Fan Fair begonnen und holte von Beginn weg
viele Fans auf die abgestufte Wiese am Flussufer. Insgesamt
traten dort 82 Künstler mit ihren Bands auf und
machten etwa 31 Stunden Musik. Die Musik war meist sehr
laut. Wer selbst mal hinzugehen gedenkt, soll vorsichtshalber
mal Gehörschutzpfropfen mitnehmen. Bekanntlich
ist die Behaglichkeit Musik zu hören nicht nur
von der momentanen Lautstärke, sondern auch von
der Dauer der Einwirkung abhängig. Nach ein paar
Tagen kann man da schon in eine Sättigung geraten.
Von der Stilrichtung der Musik her gesehen, wird neben
traditionellem Country und Bluegrass auch sehr viel
Country-Pop serviert. Da hatte es Country-Bands mit
Drums und vier Gitarren und kein einziges countryorientiertes
Instrument. Geschmäcke sind bekanntlich verschieden,
aber mir erschien es als wahre Wohltat, wenn wieder
mal ein richtiger Country Song zu hören war. Leckerbissen
aus meiner Sicht waren an der Riverfront Suzy Bogguss,
Rhonda Vincent, T. Graham Brown, Hal Ketchum, Billy
Yates und Jill King (beides Newcomer) und Kellie Coffey.
Aber wie gesagt, Geschmäcke sind verschieden und
jedes einzelne Konzert habe ich auch nicht gesehen.
Im grossen Stadion herrschte natürlich eine ganz
andere Atmosphäre. Zwei aneinandergrenzende Riesebühnen
mit grossen Scheinwerferbögen und gigantischen
Lautsprechertürmen. Davor, etwa 2 ½ m tiefer
der Rasen mit tausenden von Stühlen. Hunderte von
Helfern wie Platzanweiser, Media, Sanität und Verpflegung
schauten, dass alles reibungslos von statten ging. Wer
keinen blauen, silbernen oder goldenen Streifen auf
dem Umhängepass hatte, musste auf den Ränken
bleiben. Ausser an seinem Platz darf man nicht stehen
bleiben und zum Fotografieren musste man sich in die
Photo-Line einordnen. Das kann bedeuten, dass man im
Gang hinter den Tribünen ums ganze Stadium herumgehen
musste um dann auf der anderen Seite anstehen zu können.
Je attraktiver der Star, desto länger die Schlange.
Auch im Coliseum war die Musik laut und poplastig.
Es ist zu befürchten, dass es nächstes Jahr
noch popiger wird, denn die Veranstaltung wird in CMA
Music Festival 2004 umgetauft. Es sollen auch
Künstler aus anderen Musikstilen zu Zug kommen,
die irgendwie in Beziehung zu Country stehen. Mal schauen
wie das rauskommt. Der Protest der Puristen ist bereits
lautstark im Umlauf.
Auch auf den Hauptbühnen hatte es für meinen
Geschmack Musik, die unter die Haut ging. So am ersten
Abend Darryl Worley, Terri Clark und Vince Gill. Spitzentage
waren aber der Freitag und der Sonntag mit zuerst Lonestar,
Martina McBride (das Girl kann wirklich singen!) und
Alan Jackson (good ol country music). Brooks and
Dunn machten viel Nonsense auf der Bühne und waren
extrem rockig und laut. Am Sonntag war das Konzert etwa
1 ½ Stunden länger, auch weil es eine Stunde
früher begann. Herausragend waren Trick Pony (sympathische,
temperamentvolle Show mit viel RocknRoll),
Keith Urban, Jo Dee Messina und Wynonna. Wynonna gab
eine eindrückliche Vorstellung ihrer souligen Stimme
unterstützt von 3 gut synchronisierten Backup-Sängern.
Das Tüpfchen auf dem i war der Auftritt
von Naomi Judd, der Mutter von Wynonna. Auf rührende
Weise trugen sie 2 ihrer grössten Hits als The
Judds auf; Mama Hes Crazy und
Grandpa (Tell Me Bout The Good Old Days).
Der Nationalstolz der Amis kam schon letztes Jahr nicht
zu kurz, aber dieses Jahr wollte kein Star von der grossen
Bühne gehen ohne seine Bemerkungen zur Weltlage
loszuwerden. Ich finde es gut, auf Erreichtes stolz
sein zu können. Allerdings ist Amerika nicht so
einheitlicher Meinung, wie uns das unsere Country-Stars
vormachen wollen. Manche trieben es aber noch weiter
und gossen Benzin ins Feuer, das um die Dixie Chicks
entstanden ist. Seine Meinung ausdrücken ist das
Eine, auf den anderen herumhacken ist das Andere. Ich
habe die entsprechenden Künstler von meiner persönlichen
Fanliste gestrichen. Bewirken wird das allerdings kaum
etwas.
Alles in Allem war Nashville auch dieses Jahr eine
Reise wert!